Hauptmenü

(aufgeschrieben am 03. Februar 1996 von Irene Schlösser geb. Sachs)

 Irene Schlösser

Ich bin ein „Vorkriegskind“ geboren im Dezember 1936 in Mauloff. Ich will hiermit versuchen, meine Erinnerungen an die Zeit des 2. Weltkrieges festzuhalten.

 

Ich merkte zuerst, daß irgend etwas anders war als vorher, denn Onkel Christian und seine Frau, unsere Guckes-Tante, wurden immer unruhiger. Onkel hatte einen „Volksempfänger“ und hörte wohl ab und zu ausländische Sender ab. Tante schloß vorher immer ganz aufgeregt die Haustür zu mit der Bemerkung: „Christian, wenn uns einer erwischt, dann mußt du ins KZ!“ Begreifen konnte ich das damals nicht, aber auch in meinem Elternhaus (das Haus Sachs) verspürte ich zunehmend Unruhe und Sorge, die ich auch nicht begreifen konnte.

 

Und dann hieß es auf einmal: Es ist Krieg!—Großmutter weinte und betete, Großvater war aufgebracht und wütend, die Eltern nachdenklich und besorgt. Was wird das wohl geben? Onkel Christian hörte ständig Nachrichten, es war vom totalen Krieg und von dem ganz großen Sieg die Rede und dann kam in mein Elternhaus die erste Einquartierung: Zwei Soldaten, die wohl die Versorgungsleitungen von Idstein nach Bad Nauheim bauen helfen mußten. Das war für mich und meinen Bruder  (er ist erst 1938 geboren) ein Erlebnis. – Es handelte sich um zwei noch recht junge Männer, Oskar und Fritz, die sich in ihrer Freizeit gerne mit uns Kindern beschäftigten. Das muß wohl 1940 gewesen sein (vielleicht auch 1939).
In vielen anderen Häusern im Dorf waren ebenfalls Soldaten untergebracht und dann begann die Angst im Dorf: wer von hier muß wohl einrücken? (die nun folgende Aufzählung kann keine Reihenfolge sein, die Zeiten kann ich nicht mehr bestimmen!). Aufeinmal hieß es „Dickersch Albert muß fort! Waanersch Emil muß einrücken, Nelle Adolf hat seinen Gestellungsbefehl, Butze Tedor ist eingezogen, Liese Heinz muß fort, Frankebachs Emil ist jetzt auch dran. – Und „jetzt holle se us aach schun dej Bouwe!“ Vinze Schnaarersch Albert (Vollberg) mußte fort. Mehls Willi muß zu den Panzern! Staametze Karl muß fort,- und jetzt muß aach Mehls Eugen noch inricke – und so gings weiter!

 

Auf einmal hieß es: „Jetzt muss „Vinze Klaaner“ aach fort!“ Inzwischen war auch „Drunne Hewigs Wilhelm“ eingezogen – und einige waren vorher oder noch beim Arbeitsdienst (u.a. „Vinze Erwin“). Der eine oder der andere war wohl auch direkt nach dem Arbeitsdienst eingezogen. – Dann kamen schon die ersten Hiobsbotschaften: – Dickersch Albert kimmt nit mer haam“ – „Waanersch Emil is vermißt“. Frankebachs Emil muß nach Afrika und so ging es weiter. (Anm.: hier sollten andere helfen das Bild zurechtzurücken – Zum Beispiel Werner Feger, Erwin und Alfred Reuter – Paula Biegel, sie können sicher mehr und genauer berichten!) „Waanersch Emil (Emil Ott) galt lange als vermisst, ist wohl für tot erklärt worden? – Dickersch Albert (Albert Frankenbach) ist gefallen, alle diese Angaben sind anderswo festgehalten, auch weitere Einzelheiten!)

 

Anmerkung: ich habe aber auch 1939 den Zeppelin gesehen – über den Wiesen unterhalb von Mauloff – Onkel Christian hatte mich auf dem Arm zu dem Ereignis mitgenommen.
Großvater und Großmutter wurden zu der Zeit in allen Mauloffer Häusern als Vater und Mutter – die Eltern als Papa + Mama bezeichnet. Urgroßeltern sofern noch am Leben waren der alte Vater und die alte Mutter

 

Zum Beispiel: Erna Bausch (die Mutter von Georg Bausch) war irgendwann im Mauloffer Sprachgebrauch „die aal (alte) Bausch – Modder (Mutter).“

 

Mein Vater Emil Sachs war zunächst vom Kriegsdienst freigestellt, ebenso sein Schwager Gustav Ott II,– wohl auch Otto Seel (Feye Otto?) – er war aber – soweit ich mich erinnere dann doch Soldat in Frankreich. Gustav Ott I und Albert Ott waren zu alt (Otto erst ???) Dann kamen die ersten feindlichen Flieger! Sehr oft sind meine Eltern und Großeltern mit den wichtigsten Dingen (persönliche Papier, dem Geld, einem mindesten Bestand an Kleidern und Wäsche schon in der Zeit vor 1943 nachts in den Keller geflüchtet. Dort hatte man auch einen Grundbestand an Nahrungsmitteln (überwiegend Konserven oder Geräuchertes) deponiert, für alle Fälle! – Denn inzwischen waren Fliegeralarme an der Tagesordnung, wohl Engländer und Franzosen (?), zunächst nur nachts, aber irgendwann kamen sie auch am Tag (Vergl. hier mit der von mir aufgeschriebenen „Schulgeschichte“. Die wichtigste Habe war in Koffern verpackt und stets griffbereit, sodass sie jederzeit mitgenommen werden konnte.

 

Und schon lange vorher war Not ausgebrochen in ganz Deutschland,- Tausende und Abertausende waren gefallen, Unzählige galten als vermisst, und immer wieder einmal musste „Ernste Gustav“ als Posthalter und Bürgermeister einen geränderten Brief in eines der Häuser in Mauloff bringen. Der Eine und der Andere hatte auch etwas Glück – wenn einmal ein Soldat in Urlaub kam, war die Freude überall groß, – und ein wenig stolz waren die Angehörigen auch. Denn bis zu einem gewissen Zeitpunkt war Soldat sein ja auch eine Ehre!
Inzwischen war Verdunkelung Pflicht, das Abhören von „Feldsendern“ wurde mit dem Tode oder mit KZ bestraft, – Abgabe von Nahrungsmitteln war Pflicht (je nach Größe des Hofes und Anzahl der Personen war das „Soll“ festgesetzt!), die ordnungsgemäße Abgabe wurde überwacht, Rückstände reklamiert. Die Viehzählung war Gesetz geworden, jeder Familie wurde vorgeschrieben, was und wie viel sie schlachten durften z.B. „Schwarzschlachten“ stand unter strenger Strafe, selbst „Butter machen war verboten“, die Oberteile der Milchzentrifugen mussten schon lange vorher abgegeben werden. (In der Zeit wurden mit Sicherheit in vielen Häusern die guten alten Butterfässer wieder vom Speicher geholt, der Fuchs hatte vielmehr Hühner erwischt als je zuvor und manches Kälbchen oder ein „Springer“ kam nie vor die Stalltür! (Springer ist ein Schwein in der Größe zwischen einem Spanferkel und einer ausgewachsenen Schlachtsau)
Aus der Stadt (vornehmlich aus Frankfurt/Main) kamen fast täglich Leute, die Teile ihres Vermögens, soweit sie es tragen konnten, (Wäsche, Bestecke (Silber), Schmuck usw. anboten, um dafür Lebensmittel einzutauschen, – der Schwarzhandel blühte und Hamstern war an der Tagesordnung (das sollte viel später noch viel schlimmer werden, zum Glück ahnten alle das noch nicht so sehr)-Lebensmittelkarten und Kleiderkarten waren schon lange im Umlauf, die Rationen wurden zugeteilt und durch öffentliche Bekanntmachungen „aufgerufen“. Werdende und stillende Mütter, Kleinkinder und Kranke bekamen höhere Rationen und es gab zusätzlich Marken für „Schwerstarbeiter“. Aber das alles nutzte bald nichts mehr.

 

Außer mit den Leuten, die zum „Tauschen“ (später auch zum Betteln) ins Dorf kamen, hatte man in Mauloff ja auch mit „Einquartierung“ zu tun, inzwischen war nämlich auch der Wohnraum rationiert, – die „Wohnungskommission“ war dagewesen, hatte jeden Zentimeter Wohnraum ausgemessen und danach festgestellt, wie viel „Einquartierung“ jedem Haus zuzumuten war. Das Soll war auf jeden Fall zu erfüllen,- „Sonderzuteilung“ kam regelmäßig vor. So wurden die Familien oft schlagartig größer, die Lebensmittel auch hier bei uns mussten viel sorgfältiger eingeteilt werden. Und es kamen die ersten Flüchtlinge, die eigentlich gar keine waren, (Zeiss aus Leipzig wurde zum Beispiel vollkommen umgesiedelt, – in der Zeit kam auch Frau Berlinger mit ihren 4 Kindern (eines davon ist dann gestorben) und Frau Weisner mit ihren drei Söhnen aus Frankfurt nach Mauloff.

 

„Einquartierung“ – das waren Soldaten, – die nach offiziellen Angaben ihre Verpflegung mitbrachten! – Ich erinnere mich genau, daß die Männer sehr gierig waren auf „endlich mal wieder ein vernünftiges Essen“ – auch wenn es nur eine dicke Suppe war, zu der man sich an einen Tisch setzen konnte. In aller Regel aßen dann die Soldaten am Tisch mit. Für uns Kinder war trotz allem „spannend“, wir erfuhren zum erstenmal, was Kommissbrot, Kunsthonig und Erdnussbutter war – und versuchen durften wir natürlich immer, manchmal wurden ganze Rationen „getauscht“.

 

Der eine oder andere der Soldaten versuchte auch schon mal, sich für Quartier etwas nützlich zu machen, sie arbeiteten schon mal mit (was wohl nicht sein sollte) und so ergab sich ab und zu auch eine Hausgemeinschaft für einen eingegrenzten Zeitraum. Natürlich gab es auch Schwierigkeiten, manchmal großen Ärger – dann musste „Ernste Gustav“ schlichten und auch schon mal sein Machtwort als Bürgermeister sprechen! – Irgendwie hat er all diese Dinge immer wieder auf die Reihe gebracht.

 

Anzumerken ist auch folgendes: die Lebensmittelsammelstelle war bei „Liese Gustav“, er war auch Ortslandwirt , – die Lebensmittelkarten wurden bei ? verteilt und Christian Guckes war „Luftschutzwart“ – (in jedem Haus hatte mindestens 1 Eimer Wasser, 1 Eimer Sand und eine Feuerpatsche und ein Feuerhaken zu stehen) und er war beauftragt die „Verdunkelung“ zu kontrollieren. Dass die Straßenlampen abgestellt waren, kann man sich vorstellen, sehr oft gab es Stromausfall, dann saßen alle bei Petroleum- oder Karbid-Licht.

 

Die Fenster wurden von innen zusätzlich mit schwarzen Decken verhängt, damit ja kein Fitzelchen Licht nach außen drang.

 

Inzwischen war es 1943! Am 20. Dezember mussten nun auch mein Vater Soldat werden. Drei Tage vor Weihnachten“ – als Bauer mit einem schon alten Vater dann als Bauer auf dem Hof, 3 kleine Kinder, – jetzt hatte auch uns der Krieg endgültig eingeholt. In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1943 bombardierten die feindlichen Flugzeuge dann Frankfurt am Main, die Stadt wurde wohl in dieser Nacht weitgehend zerstört. Ich erinnere mich genau, die Flieger hatten so viel „Christbäume“ gesetzt, (so nannte man die Stabbomben, die vor den Angriffen zur Beleuchtung abgeworfen wurden), dass wir daheim im Hof ohne jede Not hätten lesen können. Und die Angst, dass dieser Angriff sich bis hierher nach Mauloff ausdehnen könnte, war so übermächtig, dass viele Mauloffer den Luftschutzkeller (der in jedem Falle der eigene Hauskeller war) verließen, – da unten wäre auf keinen Fall Rettung gewesen – auch die Angst, es könne anfangen zu brennen und man könne nicht rechtzeitig löschen, spielte sehr mit. In dieser Nacht habe ich meinen Großvater zum erstenmal in meinem Leben weinen sehen!

 

Danach ging es Schlag auf Schlag, jetzt kamen die feindlichen Flieger auch schon am Tag, – die Mauloffer konnten ihrer Arbeit in Feld und auf dem Hof auch nicht mehr regelmäßig nachgehen, – es kamen zu allen anderen auch noch Kriegsgefangene (Russen und Polen) in unser kleines Dorf, – und eine Hiobsbotschaft jagte die andere. An den immer noch verkündeten „totalen Endsieg“ glaubte wohl keiner mehr, – Not, Trauer und Verzweiflung waren wohl auch hier an der Tagesordnung.
Wir selbst hatten Glück! Mein Vater wurde am 20. August 1944 als wehruntauglich entlassen, hatte dafür aber „Dienst in der Heimat“ zu verrichten, er hatte (zusammen mit Otto Eist, der auch nicht Soldat werden musste) und Friedrich Bach (aus Riedelbach) Hand- und Spanndienste zu leisten, sie hatten Truppen zu transportieren (soweit war die deutsche Wehrmacht schon heruntergekommen), er musste, wie vor seiner Einberufung – wieder die Milch nach Finsternthal transportieren, musste dann wieder den Schneepflug mit anspannen usw. usw. – nur waren die Gefahren viel, viel größer als noch in der Zeit vorher, – denn auch die Tiefflieger hatten uns hier längst entdeckt, – die heutige B 275 war eine große Truppentransportstraße geworden. (Hier verweise ich auch wieder auf meinen Schulbericht).

 

Dann war plötzlich von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht die Rede. Auch die eingefleischtesten „Nazis“ hatten jetzt kaum noch Hoffnung. (Hinweis auf „Volkssturm“ und Arbeitsdienst, – dazu bitte Werner Feger und Helmut Ott z.B. fragen!)

 

Inzwischen waren die Flüchtlinge aus Schlesien zusätzlich einquartiert, in meinem Elternhaus gingen regelmäßig 14 Personen an den Tisch, selbst wir mussten in zwei Schichten essen, – und dann war vom Rückzug der deutschen Wehrmacht die Rede! Das machte sich auch in Mauloff bemerkbar. Immer wieder kamen einmal gegen Abend deutsche Soldaten in die Häuser mit der Bitte, sie für eine Nacht aufzunehmen. – Aber wohin mit den Männern? Betten waren schon lange keine mehr frei, in der Scheune schlafen lassen mochte man sie auch nicht gerne (das hatten die Leute wohl schon oft genug getan, außerdem rauchten die Männer in der Regel), – also wurden sie irgendwie „untergebracht“ – bei uns zu Hause sah es so aus, dass meine Großeltern (sie schliefen in der „Kammer“, das ist das kleine Schlafgemach hinter dem Wohnzimmer) morgens beim Aufstehen aufpassen mussten, dass sie nicht über 6-8 Paar Männerfüße fielen.
In einer Nacht (das erinnere ich mich genau) schliefen auch noch drei Soldaten in der Küche unter dem Tisch. Man hatte alles verfügbare Material (sogar die Pferdedecke) herbeigetragen, um die Leute wenigstens notdürftig warm zu halten. Morgens war das Chaos total! Alle versuchten sich notdürftig zu waschen, die Soldaten waren oft tagelang nicht rasiert. Und zur Toilette wollten auch alle, – und bei einer Wasserstelle im Haus (dem Spülstein in der Küche!)
Zum Glück gab der Küchenherd warmes Wasser her – und alle zu einer Toilette, dem Klo über dem Hof! Aufgehalten haben sich die Soldaten wohl immer nur eine Nacht, aus Angst entdeckt zu werden, – nachdem sie mit heißem Kaffee (dann schon oft selbstgerösteter Gersten – Malz, Brühe und einem Stück Brot mit Milch versorgt , waren sie sehr schnell verschwunden. Sie wollten weiter, – ich habe in der Zeit zum erstenmal das Wort „fahnenflüchtig“ gehört.

 

Jetzt stand fest: der Krieg ist aus, er ist endgültig verloren – aber wie wird es weitergehen?
Und dann hieß es plötzlich:

 

Die Amerikaner kommen

 

Es war der Ostermonat im Jahr 1945 (ich denke, es war der März): Die Amerikaner seien am Rhein, hieß es, dann waren sie wohl bis Idstein vorgedrungen, – man hörte von vielen Toten bei der Bevölkerung wegen Widerstandes, und in Mauloff fragte man sich: Was gibt es hier, wenn sie kommen? Sicher werden sie uns alles antun, was man von draußen gehört hatte! Einige Wenige sprachen von Widerstand bis zuletzt, – Bürgermeister Bachon beriet sich mit den älteren Männern im Dorf und stellte Kraft seines Amtes fest: Wenn sie kommen, hängen wir die weißen Fahnen heraus, wir ergeben uns widerstandslos! – Daraufhin wurden in allen Häusern die vorher Pflicht gewesene Hakenkreuzfahne „beseitigt“ – man musste ja auch mit Hausdurchsuchungen rechnen – und die Fahnenstange mit einem weißen Bettlaken versehen. Mit Kontrollen, ob die Hakenkreuzfahne „parat“ war, brauchte man wohl nicht mehr zu rechnen, und ich denke, in den meisten Häusern ist auch heimlich das Bild vom „Führer Adolf Hitler“ entfernt und durch ein Familienbild ersetzt worden, Soldatenbilder von Angehörigen wurden versteckt, Uniformen oder Teile davon wurden vernichtet. Und in der Nacht blieb in jedem Haus einer auf, um zu wachen. Die Familien krochen teilweise in den Wohnzimmern zusammen, aus Angst, die Amerikaner könnten uns im Schlaf überraschen.

 

Und dann war es tatsächlich soweit: in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag 1945 gruben sich die Amerikaner auf dem „Pfaffenkopf“ ein, nachdem sie vorher schon von der Steinfischbacher Seite versucht hatten, den Feldflugplatz in Merzhausen zu beschießen. Die Angst wuchs ins Unbeschreibliche, ich erinnere mich, dass ich trotz aller Angst mit meinen Eltern im Dunkeln auf den Speicher gegangen bin, von dort aus konnte man sehen, dass Merzhausen hell brannte! Am Karfreitag morgen kamen sie! Ein Teil versuchte, das Dorf von der „Rückseite“ her einzunehmen, das heißt, sie kamen den „Kirchweg“ (heute Heideweg) entlang, arbeiteten sich von einer „Dickwurzkaut“ zur anderen und kamen vom „Riedelbacher Weg“ her ins Dorf. Meine Großmutter stand mit mir eine Weile am oberen Speicherfenster, von dort konnte man den „Kirchweg“ einsehen, – und dann rannte sie plötzlich nach unten an den Kleiderschrank meines Vaters, um das Schloss vom Feuerwehr-Koppel abzunehmen (da war das Hakenkreuz drauf), sie wickelte es in ihr Taschentuch und steckte es in die Schürzentasche! Wir Kinder rannten trotz aller Angst auf die Straße, und wir begannen zu staunen: Da waren ja ganz schwarze Männer dabei, und die hatten ganz weiße Zähne! Also erst einmal ab ins Haus, die Großmutter zerrte uns von der Straße. Schwarze waren ja wohl auch noch Menschenfresser! Es blieb einigermaßen ruhig im Dorf, man hörte keine Schießerei, also rannten wir Kinder wieder auf die Straße. Ich erinnere mich genau, dass es sich bei den Amerikanern um überwiegend junge Männer handelte, die wohl genauso viel Angst hatten wie wir alle! Und dann geschah etwas für mich Unbegreifliches: einige Männer fingen an zu lächeln, versuchten mit uns zu reden, was total misslang, wir hatten bis dahin kein einziges Wort Englisch gehört. Und an diesem Tage habe ich die erste Orange meines Lebens gesehen, die Soldaten schenkten uns eine, wir bekamen den ersten Kaugummi und noch Schokolade dazu. Natürlich von den Menschenfressern hätte man niemals etwas nehmen dürfen!
Dann wurde es aber wirklich ernst: Die Hausdurchsuchungen begannen! In meinem Elternhaus haben sich die Amerikaner (nach meiner Erinnerung) einigermaßen zurückgehalten, die Heuhaufen wurden wurden mit den Seitengewehren „durchsucht“, im Haus selbst haben sie alle Schränke kontrolliert, aber nicht mitgenommen, nur die Eier haben sie ausgehoben und mitgenommen. Der Trupp, der hier unten im Dorf war, zog dann weiter, in welche Richtung weiß ich nicht mehr. Was sich in den anderen Häusern in Mauloff im Einzelnen abgespielt hat, weiß ich nicht, das alles kann ich auch nur aus meiner Erinnerung schildern, ich war zu dem Zeitpunkt 8 1/2 Jahre alt.

 

Ich denke, dass es eine Menge Mauloffer gibt, die meine Schilderung – vielleicht sogar ganz gravierend – berichten können und/oder vervollständigen können. Gut vorstellbar ist, dass die damals Erwachsenen oder Halbwüchsigen das alles ganz anders gesehen und empfunden haben. Dann sollte mein Bericht so verändert werden, dass er dem Stand der Dinge tatsächlich entspricht.

 

Nun waren sie endlich aus dem Dorf, in Richtung Usingen waren noch immer starke Kampfgeräusche zu hören. „Und was gibt es, wenn sie zurückkommen?“. Das war die Frage, die die Mauloffer sehr beschäftigte, denn man hatte gehört, in der Wetterau sollte ganz massiver Widerstand geleistet werden. In Mauloff war, soweit ich mich erinnern kann, zum Glück und dank der Vorsicht und Übersicht von „Ernste Gustav“ und der Zurückhaltung der Mauloffer, nichts passiert.

 

Die Ostertage 1945 waren recht getrübt und von Angst erfüllt, noch immer kamen versprengte deutsche Soldaten vorbei, aber auch schon mal einer, der vorher einquartiert war und versuchte, die Amerikaner zu umgehen und nach Hause zu kommen, obwohl immer noch Krieg war, sich zu Hause so lange verstecken zu können, bis der Krieg endlich aus sei. So gut es ging, blieben alle anonym, um Verrat vorzubeugen. Eine gewisse Angst vor Verrat war auf beiden Seiten, denn die flüchtigen Soldaten aufzunehmen wurde auch noch hoch bestraft.

 

Am 8. Mai 1945 hieß es dann zur allergrößten Erleichterung auch der Mauloffer Bevölkerung „der Krieg ist aus“ – die Kapitulation wurde verkündet. Allenthalben stellte sich große Erleichterung ein, aber gleichzeitig die Angst um alle, die jetzt in Gefangenschaft waren.

 

Aus meiner Verwandtschaft war „Gustav-Petter“ (Gustav Ott II) eingezogen worden, kurz nachdem mein Vater entlassen wurde, er meldete sich irgendwann aus Russland und berichtete, dass er gesund sei und als Melker arbeite. Wann er zurückgekommen ist, weiß ich nicht genau. Nach und nach kamen alle, die überlebt hatten, zurück.

 

Darüber sollten jetzt die berichten, die sich genau erinnern können! Ich selbst war inzwischen 10 Jahre alt, wir konnten einigermaßen geregelt zur Schule gehen, und mir erging es wie allen Kindern zu allen Zeiten, wenn sie merken, dass Gefahren und Sorgen einigermaßen gebannt sind, ich begann meinem Alter entsprechend unbeschwert zu leben.

 

Aber auch das hatte seine andere Seite:
Noch immer war die Not groß, viele derer, die den Krieg überlebt hatten, wussten nicht, wie es weitergehen sollte.
Die „Kartenwirtschaft“ war noch immer im Gang, bekommen hat man für die Bezugscheine so gut wie nichts mehr. Der Schwarzhandel begann zu blühen, der Tauschhandel war aktueller als je zuvor, es wurde geschoben und gehamstert, die Reichsmark war nichts mehr wert. Es gab ja nichts zu kaufen! Wie in der Zeit des Krieges musste die Kleidung (besonders bei Kindern) aufgetragen werden, bis es nicht mehr ging. Ausgelachte Schuhe von älteren Geschwistern oder Verwandten, bei einigem Geschick der Mutter ein Röckchen für die Tochter aus einem Kleid von ihr, das für sie nicht mehr zu gebrauchen war. Wer Glück hatte, an selbstgesponnene Schafwolle zu kommen, hatte warme Strümpfe (die aus meiner Sicht fürchterlich kratzten) – schon die Beschaffung von Stopfgarn für Unterwäsche oder Zwirn und andere Zutaten machten große Probleme. Geflickt und gestrickt wurde, soviel man nur Möglichkeit hatte, manches Stück Unterwäsche bestand aus mehr Flickstellen als aus dem Original.
Inzwischen war die „Militärregierung“ eingesetzt, die in Mauloff auch ihre Spuren hinterließ. Gustav Bachon durfte (weil er ja wohl Parteimitglied war) nicht mehr Bürgermeister sein. An dem Tag, an dem er „abgesetzt“ wurde, erinnere ich mich noch genau, das Schild „Bürgermeister von Mauloff“ über der Haustür wurde abgenommen, es erschien ein ganz heller Fleck auf der Wand. Seine Frau Lina kam mit dem Staubbesen, kehrte die unter dem Schild befindlichen Spinnweben ab und sagte: „Jetzt ist es ab, bildet Euch nur nicht ein, dass es nochmal hier dran kommt“ – wie den beiden dabei zumute war, weiß ich nicht.

 

Otto Eist wurde Bürgermeister von Mauloff.
Nach welchem Kriterium er bestimmt oder gewählt wurde, weiß ich nicht (darüber können andere Mauloffer sicher viel besser berichten als ich!)

 

Die „Entnazifizierung“ war in vollem Gange, mancher hatte Angst, vor die „Spruchkammer“ zu kommen, dort auch über andere aussagen zu müssen, noch immer gab es wohl die KZ, von denen jetzt nur andere Gebrauch machten. Soweit ich weiß, wurde aus Mauloff niemand so hart bestraft, die meisten wurden wohl zum Glück – warum auch immer – als sogenannte „Mitläufer“ eingestuft, sie entgingen damit der Strafe. Nach Ende des Verfahrens bekamen die Betreffenden einen sogenannten „Entnazifizierungsbescheid“.
Die ersten Personalausweise wurden ausgestellt. (ohne Passbild, dafür aber „schon wieder“ mit einem Fingerabdruck).

 

Über das Folgende kann man wohl die Geschichtsbücher befragen.

 

In Mauloff begann man sich auch auf eigene Kräfte zu besinnen, die Felder konnten einigermaßen ordentlich bestellt werden, obwohl Ersatzteilbeschaffung, Beschaffung von Düngemittel und Saatgut immer noch ein Problem war, sofern das nicht in dem durchaus üblichen und legitimen Tauschhandel im landwirtschaftlichen Bereich zu beschaffen war. Eine gute Ernte im Obstbau und im Garten war sehr wertvoll, sie half, den kommenden Winter zu überbrücken. Der Bäcker kam wieder ins Dorf, die eingesessenen Mauloffer backten ihr Brot selbstverständlich noch selbst, ein „Blechkuchen“ aus dem Gemeinde-Backhaus am Sonntag war nach wie vor eine Delikatesse.

 

Alle Einquartierungen und ein Teil der Flüchtlinge aus Schlesien waren inzwischen (zumindestens nach meiner Erinnerung) aus Mauloff fortgezogen – Inzwischen bin ich im Jahr 1946 angekommen)!
Dann begann wieder eine neue „Epoche“ – und was ich jetzt aus meiner Erinnerung aufschreibe, das möge man bitte genau recherchieren, da es sich um zum Teil noch in Mauloff lebende Personen handelt, und sollte mir aus der Erinnerung ein Fehler unterlaufen, dann bitte ich alle Beteiligten im voraus um Entschuldigung! Plötzlich hieß es: in Mauloff gibt es wieder „Einquartierung“.

 

Die Sudetenländer kommen:

 

Den Tag weiß ich nicht mehr, es war ein Werktag! Ich weiß nur noch, dass es im Mai 1946 war. In Mauloff kamen (wie viele Lastwagen an?), die „an der Weed“ stillhielten.
Abgeladen wurden neben einer erheblichen Anzahl von Kisten, Koffern und Kartons auch eine ganze Anzahl von Menschen, junge, ältere (überwiegend Frauen) und auch einige ältere Männer.
Viele Mauloffer liefen dorthin, wir Kinder (ich war inzwischen fast 10 Jahre alt) natürlich auch. Gut erinnern kann ich mich noch an drei Mädchen, die wohl älter waren als ich, aber nach damaliger Auffassung noch lange nicht heiratsfähig. Die Frauen trugen überwiegend eine Tracht, die wir noch nie gesehen hatten, die älteren Männer machten einen überanstrengten Eindruck, einige waren nicht rasiert.
Die Wohnungs-Zwangsbewirtschaftung war wohl noch nicht aufgehoben (?) – und die Leute wurden „verteilt“. Wer diese Maßnahme damals verantwortlich durchgeführt hat, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall hieß es neu „zusammenrücken, Platz machen.“
„in Dickersch zwaa Leut, in Feye zwaa Leut, in Bietze zwaa Leut., in Phillippd-Perrersch e ganze Familie, off die neu Schul e ganz Familie, off die aal Schul dej zwaa lerrische Geschwister, en Frankebachs zwaa Leut und so ging es weiter…

 

Die Leute, die die „Zuteilung“ annehmen mussten, waren ungehalten, murrten zum Teil, die Angekommenen wurden immer verzagter, einige weinten.
Irgendwie regelte sich das Ganze dann doch:
Familie Kraus kam in „Feye“ – ein Ehepaar (ältere Leute)
Familie Hutterer kam in „Dickersch“ (zwei ältere Leute)
Frau Schwarz mit Tochter kamen in „Bietze“ (2 Leute)
Familie Brehm kam in „Phillipps-Perrersch“ (Ehepaar mit 2 Töchtern)
Familie Haberzettel kam in „Frankenbachs“ (2 ältere Leute)
Familie Hannauer (älteres Ehepaar mit 2 Töchtern und 1 Säugling)
kamen „off dej neu Schul“.
Familie Felber (2 ältere Leute) „enStaametze“ (?)
Anna und Sepp (Josef) Schmidt (dej zwaa lerrische) off die aalt Schul!
Familie Pohl (2 ältere Leute) en „Waanersch“ und so ging es weiter.
Wieviele Leute es insgesamt waren weiß ich nicht mehr und ob meine Aufzählung korrekt ist, weiß ich ebenfalls nicht, hierzu möge man Gerda Reuter geb. Schwarz oder Liesel Steinmetz und Mizzi Feger (beide geborene Brehm) befragen. Sie sind die Einzigen, die hier in Mauloff geblieben oder übriggeblieben sind. Sie können sicher auch korrekt berichten, wohin die anderen gekommen sind, ein Teil der Älteren ist hier in Mauloff gestorben und beerdigt, die Grabstellen sind teilweise bereits abgeräumt. Die Drei können auch berichten, ob und welche Berufe die Männer hatten, aus welchem Stande sie kamen usw.

 

Kaum hatten diese Leute sich eingelebt, ging es weiter: Dann kam eine neue Hiobsbotschaft. Inzwischen bin ich im Jahre 1948.

 

„das ganze Geld verfällt – es kommt eine Währungsreform!“

 

Große Besorgnis überall! Die Leute, die wohl ein wenig oder etwas mehr sich an „Reichsmark“ ersparen konnten, machten sich Sorgen, was wohl übrig bleiben würde (und ob überhaupt was übrig bleibe), wer keine Reichsmark (auch Erspartes) hatte, machte sich Sorgen wie es überhaupt weitergehen sollte, und die Sudetenländer, die bei ihrer Vertreibung nur wenig ihrer Habe mitnehmen konnten, aber zum Glück noch die vorhandenen (wie viele auch immer) Reichsmark erwischt hatten, befürchteten zu Recht, nun auch noch um ihr Geld zu kommen.

 

Und alle behielten Recht! Im Juni 1948 (?) (es gab einen „Stichtag“, den man anhand der Geschichtsbücher ermitteln kann) war es soweit!

 

Alle mussten ihre „Reichsmark“ abgeben, bekamen dafür pro Person ein „Kopfgeld“ von 40,– DM (vierzig „Deutsche Mark“ – so hieß die neue Währung), dann gab es noch eine sogenannte „Altsparer-Entschädigung“, die (nach meiner Erinnerung) mit 1:10 aufgewertet wurde, übersetzt heißt das: fast alle fingen mit 40,– DM pro Person an!

 

Das Ganze ist auch kein „Mauloff-spezifisches“ Thema, ich schreibe es nur auf, weil es sich so stark in meine Erinnerung eingeprägt hat.

 

Und dann begann etwas, was ich damals nicht verstehen konnte, heut ist mir einiges klar.

 

Bis dahin hatten die Leute (in der Regel) Geld, konnten aber nichts oder nur wenig kaufen, denn die Läden waren so gut wie leer.

 

Plötzlich waren die Läden voller Ware (wenn oft auch nach heutiger Auffassung minderwertig) – und die Leute hatten kein Geld!

 

Trotzdem entwickelte sich (und ganz besonders auch hier in dem kleinen Mauloff irgend etwas, das mich heute immer noch etwas nachdenklich macht, (und was jetzt kommt, das möchte ich mit aller Vorsicht und Zurückhaltung auch den Jüngeren unter uns ins Stammbuch schreiben):
Als einziger Wert aufgewertet im Verhältnis 1:1 wurden die gesetzlichen Renten!
Erinnerung: an diesem Tag gab es in Mauloff 2 Sorten Menschen (und ganz sicher nicht nur in Den Tag der ersten Rentenzahlung nach der Währungsreform habe ich noch in guter Mauloff): die, die Anspruch auf Rente hatten, -warum auch immer (darauf komme ich im Folgenden zu sprechen) und die,die keine Rentenanspruch hatten!

 

Selbstverständlich wurden die Renten in bar ausgezahlt, die „Bankwirtschaft“ war damals absolut unüblich (wer gut dran war hatte ein Sparbuch) – die Rente kam mit der Post in barem Geld!
Und nach dem die Post verteilt (man ging sie möglichst abholen- vielleicht war 1 – 2 x im Monat ein Brief der Verwandschaft oder eine Rechnung vom Futterlieferanten dabei) und die Renten waren ausgezahlt, da gab es in Mauloff 2 Sorten Menschen, die einen (die Rentenbezieher), die Geld hatten und die anderen, die mit ihren 40,– DM da standen!

 

Niemand bedachte im ersten Moment, wofür und weshalb die Renten überhaupt (von der Umrechnung abgesehen) gezahlt wurden (viele Mauloffer hatten sich- weil sie selbständig waren und von der Beitragszahlung zur gesetzlichen Rentenversicherung ausgeschlossen waren) keine Anspruch erwerben können.

 

Die anderen (die Leute, die damals Rentenempfänger waren) mußten in den Jahren ihrer abhängigen Beschäftigung oft weite Wege zur Arbeitsstelle zurücklegen, manche kamen die ganze Woche oder länger nicht nach Hause deswegen, einige waren „Fremdarbeiter“oder „Dienstboten“ weit weg von Mauloff gewesen.
Und einige bekamen „Elternrente“, dafür, daß der „Versorger“ nämlich der Sohn oder spätere Hoferbe sein Leben „im Dienste des Vaterlandes“ gelassen hatte.-
Ich denke, die zu dem Zeitpunkt gezahlten Renten waren teilweise teuer – vielleicht auch mit vielen Tränen – erkauft.
Dazu kamen dann etwas später die Renten der Kriegerwitwen,- die eine oder andere Frau hat schweren Herzens und oft gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern oder Schwiegereltern den Ehemann und Vater ihrer Kinder für tot erklären lassen, nur um ein paar Mark zu bekommen, um sich und ihren Kindern das Leben etwas zu erleichtern. das habe ich im Bereich unser eigenen Familie mehrfach erlebt. Niemand hat diese Frauen gefragt, wie ihnen wohl zu mute war, – viele haben nur den Geld-Vorteil gesehen.

 

Das wieder ist kein „Mauloff-spezifischer“ Ablauf, ist aber hier bei uns vorgekommen.

 

Und noch eine schöne Begebenheit aus dem Jahre 1948 in Mauloff unmittelbar, die mich u.a. ganz persönlich betroffen hat: – für den Juni 1948 war zum ersten Mal ein Schulausflug
„mit dem Bus“ geplant nach Frankfurt (es ging in den Zoo, -ein großes Erlebnis für uns Mauloffer Schulkinder) – die Planungen liefen natürlich schon etwas länger – und uns überholte auch die Währungsreform! – Trotzdem haben es unsere Eltern geschafft (wie, weiß der Teufel) in Zusammenarbeit mit Lehrer Lange den Preis für den Bus aufzubringen. Also wurden an dem Tag Brote geschmiert, Tee in Flaschen gefüllt, (viele Eltern zwackten sich einen Tag in ihrer Landwirtschaft ab, denn wir wenigen Kinder wären in dem Bus verloren gegangen,- und man konnte uns auch nicht allein in die große Stadt lassen! – für einige der Eltern war es auch der erste Besuch im Zoo – und dann kam der Bus. Ein Holzvergaser von der Firma Lückel, gesteuert von dem alten Peter Lückel, – mit Sitzen aus Holz, ohne Polster und ab ging die Fahrt! mit von der Partie war auch Frau Lange (die Lehrersfrau) – hoch schwanger! -Wenige Tage später kam ihre Tochter Brigitte zur Welt. – rückwirkend denke ich als Frau mit fast 60 Jahren an das „Geschockel“ in dem Bus mit den harten Sitzen aus Holz! Nicht auszudenken, was die bei Frau Lange hätten anrichten können!

 

Mein erster Besuch im Zoo 1948 war ein unvergeßliches Erlebnis für mich – damit will ich meinen Bericht schließen, denn jetzt begann in Mauloff für alle, die hier lebten und wohnten, eine einigermaßen normale Zeit für damalige Verhältnisse.

 

Es kamen die Jahre 1949, 1950 -1951 kam ich aus der Schule – und wie es dann weiterging, das wissen viele Mauloffer,die jünger sind als ich, so gut, daß sie mich für Schilderungen und Erklärungen nicht mehr brauchen.

 

Und nun kommt noch ein „Nachtrag“ bzw. Erläuterung zu einigen Dingen, das erscheint mir noch wichtig:

 

1. alle älteren Mauloffer wissen, daß ich einen ganz großen Teil meiner Kindheit (nicht am laufenden Band, sondern immer und immer wieder zwischendurch) bei Christian Guckes und seiner Frau Therese verbracht habe, – etwa bis zu meinem 12. Lebensjahr.

 

2. die 3 Mädchen, von denen ich unter dem Stichwort Sudetenland berichtet habe, waren Gerda Schwarz (heute Gerda Reuter) und Liesel Steinmetz sowie ihre Zwillingsschwester Mizzi (Maria) Feger, geborene Brehm.

 

Und nun noch zu den Erinnerungen an die Kriegszeit:

 

irgendwann wurde auch die „Mobilmachung“ für Pferde ausgerufen, zum großen Schrecken auch der Mauloffer Bauern, die ihre Landwirtschaft mit Pferden betrieben:
„Nelle Jettchen“ – Henriette Scherer (später Klapper) mußte wohl als erste „den Gaul“ abgeben – soweit ich mich erinnere, wurde der Hof von da an mit Kühen bewirtschaftet.
Wie es in „Vinze“ (Reuter) war, weiß ich nicht mehr genau – auf dem Hof war jedenfalls nach dem Krieg ein Pferd.
Wir „Bietze“ durften das Pferd behalten, – siehe auch den Anmerkungen zu den „Spanndiensten“
„Scholze, Otto“ (Otto Eist) hatte immer, solange ich mich erinnern kann 2 Pferde, auch während des Krieges, (bis der Hof viel später auch einmal mit einem Eselgespann betrieben wurde) – er arbeitete teilweise (wie die anderen Mauloffer Bauern) mit den Pferden auch im „Holzwald“.
Wie es in „Feye“ (Otto Seel) war, weiß ich nicht mehr genau, nach dem Krieg war in „Fey“ jedenfalls ein Pferd.
in „Schoustersch“ (Albert Ott) war irgendwann einmal auch ein Pferd, wann das angeschafft wurde und was im Einzelnen damit war, weiß ich nicht mehr genau.
Das ist die Aufzählung der Bauernhöfe, die mit Pferden gearbeitet haben./ Zu dem Thema sollte Erwin Reuter alsbald befragt werden, er weiß sicher viel besser Bescheid als ich.

 

Alle anderen Mauloffer Bauernhöfe wurden ausschließlich mit Kuhgespannen bewirtschaftet. –
Dazu gibt es auch eine Menge zu sagen, das muß aber an anderer Stelle erfolgen.

 

nach dem Krieg / nach 1948:
die „alte Schule“ (das Backhaus) erhielt eine (neue?) Wasserleitung, dazu könnte ich ein klein wenig berichten (ich ging noch zur Schule zu der Zeit)
der Friedhof wurde umgestaltet, die Friedhofsmauern (und das Kriegerdenkmal) gebaut, – dazu kann Alfred Reuter sicher mehr berichten.
und im Jahre 1952 (?) erhielt Mauloff 3 neue Glocken, – auch dazu könnte ich an anderer Stelle ein wenig berichten, – es gibt aber in Mauloff sicher noch mehr Leute, die dazu viel mehr wissen als ich.- ich war noch nicht sehr lange aus der Schule entlassen.